Phantasiereisen
von Simone Tatay-Azllanaj
Phantasiereisen haben ihren Ursprung im Autogenen Training. Sie aktivieren die rechte Gehirnhälfte (zuständig für Phantasie und Gefühl). Die Phantasie stellt ein unerschöpfliches, jeden Menschen angeborenes Potential dar, welches ebenfalls “trainiert” und gepflegt werden muss.
Ein bekannter Name im Zusammenhang mit Phantasiereisen ist u.a. Else Müller. Im Handel gibt es mittlerweile sehr viel Auswahl an Literatur und besprochenen Tonträgern.
Mit Phantasiereisen werden die Teilnehmenden vom Alltag abgelenkt und können so durch dieses einfache Loslassen und Träumen sämtliche Energiereserven wieder auftanken. Dies ist eine Variante der Phantasiereisen.
Eine weitere Art spricht mehr das Unbewusste an, um sich mit sich selbst auseinander zu setzen, um evtl. Lösungen für Probleme zu finden. Solche Prozesse sollte man jedoch nur psychologisch ausgebildeten Therapeuten überlassen!
Im Trainings-/Gymnastikbereich stellt eine Phantasiereise eine Entspan-nungseinheit im Anschluss an das eigentliche Training dar.
Hierbei werden mit einer Dauer von max. 10 Minuten in einem langsamen und Ruhe vermittelnden Erzählrhythmus Geschichten gesprochen, mit dem Ziel den Teilnehmern die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen Gedanken wandern zu lassen, deren eigene Phantasie zu entfalten.
Im Anschluss an eine Phantasiereise können die Teilnehmer langsam auf ein individuelles Ruhebild hingeführt werden. Wichtig hierbei ist, das dem Ruhebild-Finden ein Entspannungszustand vorausgeht.
Der Kursleiter gibt hierzu mit ruhigem Ton Anweisungen, ohne jedoch etwas genaues vorzugeben.
Die Anweisungen für eine Ruhebild-Suche könnten z.B. lauten:
“Lass die Bilder kommen und gehen, schmücke sie bildhaft aus und erlebe sie mit allen Sinnen. Suche nun nach einem besonders wirksamen Ruhebild, vielleicht eine Situation in Deinem Leben, in dem Du Dich sehr glücklich und geborgen gefühlt hast. (kurze Pause)
Vielleicht aus Deiner Kindheit, aus einem Urlaub, zu Hause oder in einem fernen Land. (kurze Pause)
Wenn Du es gefunden hast, verweile in diesem Bild.
Versuche dieses Bild zu sehen, zu hören, zu riechen oder zu schmecken, spüre Deinen Körper, vielleicht die Berührung auf Deiner Haut, nimm die Umgebung, Menschen, Gegenstände wahr. (Pause)”
Anschließend sollte unbedingt eine Rücknahme erfolgen, z.B.:
“Kehre nun langsam wieder zurück in die Gegenwart - in den Raum hier zurück - spüre den Boden unter Dir, nimm die Luft, und die Geräusche in diesem Raum wahr, beginne langsam Dich zu räkeln und zu dehnen, bringe etwas mehr Bewegung in Deinen Körper und öffne wenn Du bereit bist langsam Deine Augen, blicke Dich im Raum um, und wenn Du so weit bist, setze Dich langsam über die Seite auf”
Um ein Ruhebild bei einem Teilnehmer festigen zu können, sollte an anderen Tagen dieses wieder “aktiviert” werden, bis sich das Bild so gefestigt hat, das es jederzeit ausgelöst werden kann, um einen Entspannungszustand oder positiven, wohlgestimmten Zustand hervorzurufen, um im Alltag schwierige Situationen zu bewältigen.
Auch in der Schmerztherapie findet das Arbeiten mit Ruhebildern gerne Anwendung.
Viele Teilnehmer werden Anfangs vielleicht Schwierigkeiten haben sich auf ein Bild festzulegen. Das ist ganz normal - daher die Anweisung: “Lass die Bilder kommen und gehen...”. Ein wirkliches Ruhebild entsteht meist erst nach mehreren Entspannungseinheiten.
Ebenso kann ein Ruhebild ein aktives Bild darstellen (z.B. eine schöne Feier, eine lustige Situation, ein erfolgreiches Erlebnis, etc.).
Das Einschlafen eines Teilnehmers während einer Phantasiereise ist nicht selten ein Beweis für die tiefe Entspannung. (Bitte vorsichtig am Ende der Einheit wecken - falls dies nicht von alleine geschieht).
Weitere Quellen zu diesem Thema:
Müller, Else: “Du spürst unter deinen Füßen das Gras“
Müller, Else: „Inseln der Ruhe“
Müller, Else: „Wenn der Wind über Traumwiese weht.“
Teml H. & Teml H.: „Komm zum Regenbogen, Phantasiereisen für Kinder und Jugendliche“
www.der-wald-der-worte.de (weitere Beispieltexte nach Epstein oder Vopel)
Beispieltext für eine Phantasiereise mit Einleitung, ohne Ruhebildfindung:
“Lege Dich bequem auf den Rücken, schließe die Augen wenn Du willst; lasse Deinen Atem langsam ruhiger werden...
und spüre wie Du etwas tiefer in die Matte sinkst...
Deine Muskulatur scheint in der Matte auseinander zu fließen, die Füße fallen nach außen, die Körperglieder fühlen sich schwer an...
Lass Deinen Körper sich ganz entspannen...
Deine Gedanken kommen und gehen...
finde Deinen eigenen angenehmen Weg in Dein Reich der Gedanken...
Noch bist Du umgeben von Verkehrslärm, Abgasgerüchen, Menschen die an Dir vorbeieilen, Werbeplakate an jeder Ecke...
Da taucht eine kleine Elfe vor Dir auf, zwinkert Dir frech zu und zeigt mit ihren zarten Ärmchen auf einen mannshohen goldumrahmten Spiegel, welcher plötzlich vor Dir steht...
Du blickst hinein - doch Du siehst nicht Dich, sondern eine wunderschöne Landschaft mit vielen blühenden Blumen, umringt von sattgrüner Wiese, blätterreichen Bäumen und zwitschernden Vögeln...
Die kleine Elfe greift nach Deiner Hand und geht mit Dir durch den Spiegel hindurch und auf einmal stehst Du inmitten dieser wunderschönen Landschaft...
Du nimmst den reinen Duft der Blumen und Bäume wahr...
Du gehst weiter in die Landschaft hinein, über Dir ein endlos scheinend blauer Himmel...
Die warmen Sonnenstrahlen kitzeln Dich liebevoll im Gesicht...
Vielleicht möchtest Du weitergehen, um zu sehen was es hier noch für schöne Dinge zu entdecken gibt.
Vielleicht möchtest Du Dich auch einfach nur in die Wiese legen und den Augenblick genießen...
Spürst Du die angenehme Wärme der Sonne? Lass Deinen Gedanken freien Lauf... Was siehst Du noch?...
Spüre wie Du hier an diesem Ort wieder Energie aufladen kannst...
Du spürst wie Du Dich immer mehr entspannst..., wie Dir dieser Ort neue Kraft gibt...
Lass die Bilder in Deinen Gedanken kommen und gehen - genieße das Hier und Jetzt...
Vielleicht beginnst Du innerlich zu lächeln... oder gar zu strahlen vor Freude und Glück an diesen wunderschönen Platz zu sein....
Ein leichter Windhauch streift Dein Gesicht, er fühlt sich erfrischend kühl und belebend an...
Du nimmst die Landschaft wieder klar und deutlich wahr...
Vor Dir erscheint wieder die kleine Elfe, nimmt Dich an der Hand und führt Dich freudestrahlend langsam zu dem goldgerahmten Spiegel zurück....
Du fühlst Dich erholt und kraftvoll, beginnst nun mit festen Schritten auf den Spiegel zuzugehen um durch ihn hindurch wieder zurück in den Raum der Gegenwart zu gelangen.
Beginne nun langsam tiefer ein- und auszuatmen...
räkle Dich und strecke Dich wie nach einem erholsamen Schlaf...
spanne Deine Muskulatur wieder an,...
beginne Deine Arme und Beine zu lockern und öffne dann langsam Deine Augen...
Blicke noch einmal im Raum herum, bis Du wieder völlig klar bist.
Dehne und strecke Dich ruhig noch einmal, bleibe noch etwas liegen bis Du Dich bereit fühlst Dich langsam über die Seite zu erheben.” |